Ugly Days Challenge - der kalte Entzug - what else

Ein brutaler Selbsttest, der auf die Nieren geht. Soziale Ausgrenzung muss dabei in Kauf genommen werden. Wie lange werde ich durchhalten?



Die Challenge - Kaffee-Entzug

Du fährst mit deinem Auto in Alaska, die nächste Tankstelle ist 327km weit weg. Dein Tank ist plötzlich leer. So in etwa hab ich mir das abdrehen des Kaffeehahns vorstellt, der das schwarze Gold tagtäglich in meine Adern pumpte. Aber es kam schlimmer.


Kein Kaffee - Ab sofort - 42 Tage


 

Spaßfaktor: 2

Was soll schon spaßig daran sein, keinen Kaffee mehr zu trinken. Einzig wirklich witzig sind die Gesichter jener denen du von deiner Challenge erzählst. Genauso wenig spannend stelle ich mir das Essen trockener Toastscheiben im 10er Pack vor. Wo das wiederum sinnvoll ist erfahrt ihr hier

 

Gesundheitsfaktor: 5

Schwer den Vorteil für die Gesundheit vor dem Versuch zu definieren. Ich denke mal er wird nicht allzu hoch sein. Die zittrigen Hände und das Herzklopen sind von der Nervosität vor dem Meeting mit dem Chef. Die Schlaflosigkeit aufgrund der schlafwandelnden Kinder. Die Kopfschmerzen vom Wetterumschwung (schon wieder trotz Hochdruckgebiet) und das Zittern und Zucken der Muskel kommt sicher vom letzten Workout (wann war das gleich nochmal, voriges Monat, oder das davor?). Außerdem trinke ich nicht zu viel Kaffee. Ich weiß genau wann Schluss ist. Meine Grenze ist, dass es nicht zweistellig werden darf, am Vormittag.

 

Soziale Akzeptanz: 3

Was machst du ohne Kaffee zu trinken bei der Arbeit in der Kaffeeküche? Den Automat bedienen, Kaffeekassageld sammeln oder einen unendlich verdünnten Kaffee trinken (Glas Wasser). Der Kaffeeentzug ist bisher noch nicht weit verbreitet und sozial nicht anerkannt

 

Willensstärke: 7

Den Entzug durchzuhalten katapultiert dein Ego auf eine Stufe über Wolke 4. Härter stelle ich mir nur vor das Rauchen aufzugeben, wobei ich das als Nichtraucher nicht beurteilen kann, sowie nur mehr kalt zu duschen und ein Glas voller Milch nur mit reiner mentalen Kraft umzukippen.

 


“Kaffee dehydriert nicht, sonst wäre ich schon Staub”

- Franz Kafka -


Tag 1 - Der Start

7:35 Uhr:

Ein letzter Espresso. Leider habe ich den Moment zu wenig genossen, weil ich nicht wusste was auf mich zukommt und weil ich nicht wusste, dass es mein Letzter sein wird.

 

8:37 Uhr:

Ich brauche einen neuen Reisepass. Ab auf die Behörde. Ohne Termin keine Chance heute. Ich nerve so lange, weil ich  ja alle notwendigen Unterlagen mit hatte, bis ich doch als Lückenfüller eine Möglichkeit bekam. In einer Stunde. Was tun? Eine Runde spazieren gehen und einen Kaffee trinken. Typischer Zeitvertreib, oder?

 

8:43 Uhr:

Als ich vor dem verschlossenen Café stand, vor 9:00 Uhr keine Chance, schoss mir der Artikel von gestern über Kaffee ind den Kopf. Ich las nochmal kurz nach (Handy sei Dank). Dann noch einen Artikel auf wikipedia. Dann entschloss ich mich keinen Kaffee mehr zu drinken ... vorerst. Schon beim Gedanken daran keinen Espresso mehr in mich zu schütten bekam ich einen Stich an den Schläfen. 10 Minuten später bekam ich Kopfschmerzen.

 

8:53 Uhr:

Ich hatte Kopfschmerzen.

 

9:00 Uhr:

Das Café öffnete seine Pforten. Meine Füße steuerten schon in die Richtung des sonnigen Platzes wo ein gemütlicher Stuhl und ein fein dekorierter Tisch auf mich warteten. Und schon stand mir die erste Hürde im Weg. 17 Minuten nachdem ich den Entschluss gefasst hatte aufzuhören, soll ich mich nun geschlagen geben? Auf keinen Fall. Ich brauchte sowieso noch ein Foto für den Reisepass.

 

9:07 Uhr:

Das biometrische Passfoto war kein Problem. Ich dachte nur daran, keinen Kaffee mehr zu trinken. Hilft übrigens auch beim Poker spielen, aber das sollte ich erst viel später erfahren.

 

9:41:

Reisepass fertig. Ab zur Arbeit.

 

10:06:

In der Firma angekommen gehe ich bei der versammelten Meute in der Kaffeküche vorbei. Ein Duft von gerösteten Bohnen strömt mir entgegen und ich will schon abbiegen. Nächste Hürde. Ich atme 30 Sekunden lang aus bis ich im gemeinsamen Arbeitszimmer bin. Ein tiefer Zug beim Einatmen hätte mich fast das Leben gekostet, nachdem die noch vorhandenen Röstaromen durch den brutalen natürlichen Geruch menschlichen Daseins assimiliert wurden. Die Kopfschmerzen wurden stärker.

 

11:51 Uhr:

Mittagessen. Meine Schläfen pochten wie wild. Der Wetterumschwung, garantiert.

 

Der Rest des Tages war wie ein typischer Migräneanfall. Wenn ich je einen gehabt hätte, dann wäre er sicher so gewesen. Nur nicht schwach werden war die Devise. Mein Freund und Helfer, Paracetamol, half mir über die Nacht.

Tag 2 - Das Grauen erwacht

6:30 Uhr:

Der Wecker läutet, die Kids müssen in die Schule und den Kindergarten. Beim Aufstehen habe ich das Gefühl als wollte mein Gehirn an den Schläfen nach außen expandieren, als mir das Blut in den Kopf stieg.

 

6:31 Uhr:

Ich liege wieder. Ein halber Liter Wasser (ihr wisst schon, unendlich verdünnter Kaffee) hilft mir ein wenig in die Gänge zu kommen.

 

11:51 Uhr:

Mittagessen. NEIN ICH WILL NOCH NICHT. Nein ich bin nicht gereizt, aber was soll das denn jeden Tag so Früh essen zu gehen, VERDAMMT NOCHMAL. Das Pochen wird wieder stärker. Mittagsdelirium.

 

16:38 Uhr:

Mein Chef schickt mich nach Hause, nachdem ich in ein und demselben Meeting drei mal gefragt habe, was denn diese Dingsbums-Kurve da mit der komischen Zahl dort unten zu tun hat und warum mir das VERDAMMT NOCHMAL keiner erklärt.

 

18:42 Uhr:

Ich schlafe im Sitzen beim Abendessen ein. Meine Kinder machen sich einen Spaß und malen mir mit einem schwarzen Flipchart Stift meine Finger schwarz an. Das sollte ich aber erst sehr sehr viel später bemerken. Ich sage nur wasserfest, Autobus, Blumentopf und Gelbe Wände.

 

Irgendwie hab ich es vom Abendessen ins Bett geschafft. Ich schlafe sehr schlecht und wache immer wieder auf.  Ich hoffe der Stift hat sich nur auf meinen Fingernägel verewigt. Mein Kaffeedurst war heute weniger im Vordergrund, als meine Kopfschmerzen und meine Reizbarkeit.

Tag 3 - Das Ende naht

6:11 Uhr:

Es ist Samstag. Trotzdem meinen die Kinder sie müssen früher aufstehen. Unter der Woche kaum aus dem Bett zu bringen muss natürlich am Wochenende die volle Zeit genutzt werden!? Ich will nicht aufstehen, ich kann nicht. Muss die Frühjahresmüdigkeit sein.

 

8:02 Uhr:

Workout ist angesagt. Bewegung hilft ja so gegen ziemlich alles, oder? Bei den ersten Jumping Jacks hüpft mein Gehirn gegen die Schädeldecke. Die Kopfschmerzen breiten sich von den Schläfen auf den ganzen Kopf aus . Ich gehe zum Planking über.

 

9:39 Uhr:

Ich vermisse den Kaffee und könnte heulen, während meine Frau genüsslich den dritten Espresso schlürft. Ich bin müde und ausgelaugt. Eine gewisse Lethargie überkommt mich.

 

Der Rest des Tages wird auf der Couch verbracht.

Tag 4 - Es ist ok

Die Kopfschmerzen sind kaum mehr vorhanden. Die tägliche Challenge des Nicht-Kaffee-Trinkens ist immer noch vorhanden, aber es ist ok. Kopf, Herz und Körper fühlen sich schon besser an. Mal sehen, ob es dass nun war ... Challenge completed. Jetzt gilt es nur die restlichen 38 Tage durchzuhalten. Ich werde euch auf dem laufenden halten.


Challenge temporary completed - 4 Tage


Was zum Nachdenken

 In einer Studie der "John Hopkins University, School of Medicine" wird Kaffee als die weltweite am häufigsten konsumierte Droge bezeichnet.

 

Der wesentliche Bestandteil am Kaffee, der süchtig macht ist das Coffein. Coffein zählt zu den psychotropen Substanzen und wirkt sich damit auf die Psyche des Menschen aus.

 

Nervenzellen tauschen im Wachzustand Botenstoffe aus und verbrauchen Energie, wobei als Nebenprodukt Adenosin entsteht. Adenosin bremst das Gehirn, wenn es notwendig ist, in dem es sich an bestimmte Rezeptoren auf den Nervenbahnen setzt. Es blockiert die aktivierenden und belebenden Neurotransmitter wie Dopamin, Noradrenalin oder Acetylcholin. Die Blutgefäße werden erweitert und der Herzschlag verringert. Es tritt die uns wohl bekannte Müdigkeit auf.

 

Coffein ist dem Adenosin in seiner chemischen Struktur sehr ähnlich. Dadurch besetzt es auch dieselben Rezeptoren, aktiviert diese aber nicht. Da die Rezptoren nun mit Coffein besetzt sind, kann Adenosin dort nicht mehr andocken. Die Zellen arbeiten munter weiter, wir werden nicht müde, trotz steigenden Adenosinspiegel. Wir sollten uns eigentlich ausruhen, aber Coffein verhindert, dass die entsprechenden Signale ankommen.

 

Ob es gesund ist, dass trotz Müdigkeit weiter Streßhormone produziert werden?

 

Da der Adonsinspiegel im Blut weiter hoch ist, weil ja keine freien Rezeptoren im Gehirn frei sind, werden neue Rezeptoren im Gehirn erzeugt, um dem Adenosin Platz zum Andocken zu geben. Damit wird eine zunehmende Coffeintoleranz erzeugt.

 

Wir werden daher nach einiger Zeit trotzdem wieder müde, weil genug Platz für Coffein und Adenosin vorhanden ist. Die Lösung. Noch mehr Kaffee. Und der Kreislauf beginnt von vorne.

 

Was passiert beim Entzug?

 

Plötzlich ist kein Coffein mehr vorhanden und alle Adenosinmoleküle finden freie Rezeptoren. Damit sinkt aber auch der der Adrenalin- und Dopaminspiegel plötzlich und unser Gehirn ist im Ungleichgewicht. Daher sind auch die Symptome des Entzugs verständlich, auch wenn es dadurch nicht besser wird.

 

Lese mehr über Coffein auf Wikipedia

 


Die 6 Überlebens-Hackz

  • Du trinkst kein Wasser, du trinkst unendlich verdünnten Kaffee.
  • Freitag mit dem Entzug beginnen, sonst wird die Arbeitswoche interessant.
  • Sei kein Lemming, Kaffee trinken kann jeder.
  • Paracetamol (500mg min.)
  • Radfahren statt Laufen, Planking statt Jumping Jacks. Liegen statt stehen.
  • Besorg dir eine Sammelkassa für die Kaffeeküche, damit du mit dabei sein darfst.

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